Grüß Gott!

Foto (c) R.Schulz

Grüß Gott und herzlich willkommen auf unserer Homepage!

St. Markus hat viele Gesichter und Menschen, die das Gemeindeleben mitgestalten. Diese Gemeinde mitten im Herzen von München bietet eine große Vielfalt an Begegnungen und Erfahrungen. Dabei gibt es vieles aus dem Leben unserer Kirche zu erzählen. Einmal im Monat stellt sich an dieser Stelle eine Person aus unserem großen Markus-Team mit ihren ganz persönlichen Eindrücken vor.

Link zu den gesammelten Texten.

  


 

Wenn es wieder los geht...

Letzte Woche, bei den ersten Stimmproben, habe ich es wieder gespürt. Erst zusammen mit vier Altistinnen, dann mit drei Bässen des Markus-Chores. Übers ganze Kirchenschiff verteilt erfüllten wir mit unseren zum Glück noch nicht ganz eingerosteten Stimmen die leere Markus-Kirche. Gestern dasselbe mit vier Sopranen und dann mit zwei Tenören. Wir stimmten ein in den berühmten Eingangs-Chor aus Johann Sebastian Bachs Johannes-Passion BWV 245. Aber es war ganz anders als bei den Proben vor einem Jahr, als etwa 60 Sängerinnen und Sänger meist dicht gedrängt dieses große Werk erarbeiteten. Damals – ja, es kommt mir vor, als wäre es vor sehr langer Zeit gewesen - war Singen und Musizieren noch eine Selbstverständlichkeit. Niemand dachte nur im Traum daran, dass es einmal verboten werden könnte, oder nur in Ausnahmefällen erlaubt.

Letzte Woche spürte ich es wieder. Ich spürte diese freiwerdende Energie nach einer Zeit des Schweigens. Ich spürte, wie wir uns innerlich aufrichteten, als sich unsere Stimmen erhoben, um diesen großen Lobgesang anzustimmen: „Herr, Herr, Herr, unser Herrscher!“ Wie unsere Seelen aufatmeten, als wir unsere Klagen und Bitten laut aussprechen und singen durften: „Gib uns Geduld in Leidenszeit.“ Der Klang unserer Stimmen erfüllte auch die letzten Winkel dieses wunderbaren Raumes. Alles schien sich wieder zu bewegen. Kein Stillstand mehr, wie wir ihn in den letzten Wochen so oft fühlten.

Nein, wir sind nicht tot. Wir leben! Nein, wir sind nicht allein. Wir leben in der Gemeinschaft unseres lebendigen Herrn: „Jesu, der du warest tot, lebest nun ohn Ende.“ Nein, wir sind keine Gefangenen der Angst und der Finsternis. Denn dieser Jesus hat uns zur Freiheit berufen: „Durch dein Gefängnis, Gottes Sohn, ist uns die Freiheit kommen.“ Das spüre ich in den Worten und in der Musik der Johannes-Passion sehr eindrücklich: das Licht, das Leben und die Liebe sind stärker als Dunkelheit, Angst und Tod.

Die vergangenen Wochen und Monate haben mich vieles gelehrt. Vor allem aber lehrten sie mich Dankbarkeit. Dankbarkeit für das wunderbare Geschenk der Musik. Dankbarkeit für das Privileg, musizieren zu dürfen. Dieses Privileg mit der ganzen Gemeinde zu teilen, ist mein großer Wunsch in diesen Tagen. Dass wir gemeinsam wieder Hoffnung schöpfen, wo wir verzweifelten. Dass wir das Licht wieder wahrnehmen, auch wenn es nur ganz schwach am Ende des Tunnels leuchtet. Und vor allem, dass wir die Freiheit spüren, die uns geschenkt wurde. Diese Freiheit gründet sich in der Achtung, Fürsorge und Liebe gegenüber allen Menschen - auch gegenüber sich selbst. Das ist der rote Faden der Johannes-Passion: In dieser wunderbaren Freiheit, auch Himmelreich genannt, dürfen wir leben!

Kantor Michael Roth

Ihr Michael Roth, Kantor an St. Markus