Grüß Gott!

Foto (c) R.Schulz

Grüß Gott und herzlich willkommen auf unserer Homepage!

St. Markus hat viele Gesichter und Menschen, die das Gemeindeleben mitgestalten. Diese Gemeinde mitten im Herzen von München bietet eine große Vielfalt an Begegnungen und Erfahrungen. Dabei gibt es vieles aus dem Leben unserer Kirche zu erzählen. Einmal im Monat stellt sich an dieser Stelle eine Person aus unserem großen Markus-Team mit ihren ganz persönlichen Eindrücken vor.

Link zu den gesammelten Texten.

  


 

Ein Gruß ans "Wir" in uns

Corona wandelt. Mit Isolation, mit dem Fehlen von Ereignissen. Es wandelt die eigenen vier Wände, die mit der Zeit ihre Behaglichkeit verloren und uns zu Tag und Stunde mit ihrer Abstandslosigkeit belagern.
Als Kirchenmusiker läge es nahe, Gedanken über sinnstiftende Kunst zu teilen. Aber da abstrakte Worte über Kunst ihr eigenes Sprechen leider zu verhindern pflegen, möchte ich heute lieber einen persönlichen und vielleicht eher seltenen Gedankengang beschreiben.

Corona, was würde Jesus da tun? Beim Blick in die Evangelien gewann ich den Eindruck, zu Krankheiten muss er ein negatives Verhältnis gehabt haben. Sicher nicht zu den Kranken, aber zur Krankheit selbst. Wo er ihr begegnete, vernichtete er sie, er nahm ihr durch seine Heilungen die Existenz. Für die Kranken mag das ein Segen gewesen sein und er wird auch heilsgeschichtlich gute Gründe für sein Handeln gehabt haben. Eine Antwort für uns ist damit nicht gegeben. Corona existiert, trotz aller Gebete.
Ich sehe in der Geschichte von Jesu Heilungen sogar eine Gefahr. Zu vordergründig betrachtet, erscheint die Krankheit als das Gegenteil des Guten, als das, was nicht sein soll. Vor dem Hintergrund der Handlungsfähigkeit ist dem wohl zuzustimmen. Aber vor dem Hintergrund der Erkenntnis?
Krankheit ist da. Aus irgendwelchen Gründen heraus, soll sie existieren. Wie lässt sich Krankheit in das Gute, in das, was sein soll, aufheben?

Was können wir heute tun? Impfen, Infektionen vermeiden, die Zeit vertreiben. Vor allem aber fordert Corona eines von uns - Geduld. Sie ist dann erforderlich, wenn eine Zeit nicht vertrieben werden kann. Wenn Zeit nicht vertrieben werden kann, muss sie ausgehalten werden. Dieses Aushalten ist eine Fähigkeit. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts scheint es, als sei diese Fähigkeit nicht von großem Belang, schließlich gibt es immer etwas zu optimieren. Ein bekanntes Sprichwort behauptet, Geduld sei etwas, in dem man sich üben könne, etwas, das der Übung bedarf. Für Dinge, die der Übung bedürfen, suchen wir uns gerne Lehrer.
Wer könnte so ein Lehrer sein? Was müsste uns so ein Lehrer voraushaben?

Um etwas lehren zu können, muss dieses Etwas bekannt sein, erkannt sein. Seit Immanuel Kant unsere Vernunft kritisierte, herrscht ein breites Einverständnis, dass Erkenntnis in Erfahrung gründet.
Um welche Erfahrung geht es hier? Wer hat diese Erfahrung? Wer hat eine Expertise, die uns helfen könnte? Wer weiß, wie man aushält?

Sofern wir unsere funktional differenzierte Gesellschaft akzeptieren, sind wir es gewohnt, Rollen zu bekleiden und Experten Vertrauen zu schenken. Experten, das sind üblicherweise Gebildete, Meister, Menschen, die wissen, was zum Besten zu tun ist, die wissen, wie man am besten optimiert. Nun ist Krankheit und wir sehen, ein gewohntes Bestes ist nicht zu haben, es lässt sich nichts tun. Wir geraten mit unseren üblichen Erkenntnisinteressen in ein Abseits.
Wer kennt dieses Abseits, an dem wir ganze Bildungskarrieren lang vorbeistudieren?

Erfahrungen, was setzen die voraus? Welche Beurteilungen folgen?
„It's the flue".
Zwei Wochen auf der Intensivstation. Akute Angst. Im Rückblick ein dunkler Schatten.
Zwei Monate Rehabilitation. Genervtheit. Im Rückblick eine harte Zeit.
Zwei Jahre Einschränkungen der Leistungsfähigkeit. Frustration. Im Rückblick eine Zäsur im Leben.
Langzeitfolgen?
Reversibel?
„Nach einer Infektion am Pfeiffer'schen Drüsenfieber bin ich nie wieder richtig gesund geworden."

Was ist, wenn man dauerhaft krank ist? Wenn die Dinge ein anderes Verhältnis zum Menschen annehmen, wenn die Welt eine andere wird? Wenn man das Fenster nicht selbst öffnen kann, wenn der Löffel beim Essen herunterfällt und liegen bleibt, unerreichbar, einen Meter entfernt auf dem Boden. Wenn es unmöglich ist, das zu tun, was im öffentlichen Sinne das Normale zu nennen wäre? Diese andere Welt ist radikal, schon von der Wurzel her, anders. Sie setzt andere Möglichkeiten, hält sozial andere Erwartungen bereit und lässt scheinbar bekannte, alltägliche Situationen ganz anders erfahren. Diese andere Welt ist ein fremder Grund, unbekanntes Terrain, ein anderer Standpunkt. Ohne gleichen Standpunkt kann nicht Gleiches gesehen werden, nicht Gleiches gedacht und nicht Gleiches erfahren werden. Wie wäre Verständigung möglich? Sprachlich? Sprache ist vordergründig völlig in der Welt der Handlungsfähigkeit verbraucht.
Welche Worte könnten dennoch aus dem Anderen heraus zu uns sprechen? Wie müsste man zuhören?

Schwer „krank" sein kann man nicht alleine. Nicht innerlich, sondern ganz praktisch. Denn wer hebt den Löffel auf, der da einen Handgriff entfernt liegt? Fahrlässigkeit ist keine Option, denn was ist, wenn keine handlungsfähige Hand mehr wäre? Könnte man allein wirklich „gesund" sein? Praktisch wohl. Aber innerlich? Wozu führt eine Perspektive, die die Krankheit ausblendet?

Wagen wir ein gedankliches Experiment und fordern unsere Fantasie.
Wenn wir den Mut haben, die Erkenntnisse der „Ungesunden" in unser Begreifen aufzunehmen, dann respektieren wir auch unsere Blindheit, für die wir aus zu viel „Gesundheit" heraus schon seit jeher unsehend waren. Wir würden die Unvollkommenheit unseres einzelnen Erkenntnisvermögens erkennen und würden die Bedeutung des Zuhörens und des Zugehörens für alle Aspekte unseres Daseins erfassen. Wir könnten uns helfen lassen, annehmen, was die Erfahrenen sehen und gesehen haben, was ihr Wissen zum Wahren des Ganzen beitragen kann. Wären wir alle fähig, Zeit auszuhalten, das Abseits der „Krankheit" wäre kein Abseits mehr. Es würde in den Hintergrund treten und als ein Rückgrat unser Kollektiv stärken. Es würde uns die blinde, wegschauende Angst vor der Krankheit nehmen und ihr damit ihren größten Schrecken.
Ich vermute, nach kurzer Zeit wäre das Virus in einer solchen Welt an unserer Vernunft und Verantwortung gestorben. Ins Gute aufgehoben könnte die Krankheit neue soziale Funktionen erfüllen. Und am interessantesten: Wir hätten einen Fuß in der Tür ins Andere, heraus aus der Logik der Wirtschaftlichkeit, hinein in eine gewandelte, die nicht verbraucht, aber uns alles lässt.

  

Kirchenmusiker im Praxisjahr Christian Seidler

Ihr Christian Seidler, Kirchenmusiker im Praxisjahr