Grüß Gott!

Foto (c) R.Schulz

Grüß Gott und herzlich willkommen auf unserer Homepage!

St. Markus hat viele Gesichter und Menschen, die das Gemeindeleben mitgestalten. Diese Gemeinde mitten im Herzen von München bietet eine große Vielfalt an Begegnungen und Erfahrungen. Dabei gibt es vieles aus dem Leben unserer Kirche zu erzählen. Einmal im Monat stellt sich an dieser Stelle eine Person aus unserem großen Markus-Team mit seinen ganz persönlichen Eindrücken vor.

Link zu den gesammelten Texten.

  


 

„Zeig dich! - Sieben Wochen ohne Kneifen"

Zeig Dich - Aktion 7 Wochen ohneSo lautet heuer das Motto der Fastenaktion der evangelischen Kirche. Bezogen auf Jesu Handeln, der stets mutig ungerechte Zustände anprangerte, bis zum Schluss kein Kneifen kannte und heldenhaft in den Kreuzestod ging, heißt das wohl für uns, zu versuchen es ihm gleich zu tun: nicht kneifen, nicht verzagen, auf keinen Fall Schwäche zeigen. „Steh deinen Mann! Halte durch! Zier dich nicht! Nur Mut! Sei stark! Überwinde deinen inneren Schweinehund!" Diese klassischen (und deutschen?) Tugenden sind nach wie vor prominent und stehen einem gut, will man sozial dazugehören und in der modernen Arbeitswelt bestehen. Und nachdem das ja schon im Neuen Testament quasi eingefordert wird, ist es wohl richtig und gut so, oder?

Doch da gibt es auch noch den anderen Jesus: nicht den des Johannesevangeliums, sondern den, den der Evangelist Matthäus beschreibt. Und der hat eine Höllenangst vor dem, was auf ihn zukommt. Er fleht seinen Vater an, ihm das bevorstehende mehr Martyrium zu ersparen. Er bittet seine Jünger, mit ihm zu wachen, damit er nicht alleine sei. Auch am folgenden Tag, der für ihn nach langen körperlichen und seelischen Qualen am Kreuz endet, verhält er sich ganz anders als der souveräne Gottessohn des Evangelisten Johannes, der noch am Kreuz hängend eine Betreuung für seine Mutter organisiert und sein Leben schließlich mit dem beinahe schon siegreich anmutenden Ausruf „Es ist vollbracht!" beendet. Nein: als seine Lippen schon ganz ausgetrocknet sind, bittet er flehentlich um einen Schluck zu trinken, um seine Qualen etwas zu erleichtern. Bevor er schließlich verendet, schreit er seine Gottverlassenheit in den Himmel. Der Gründer unserer Religion zeigt sich hier allzu menschlich und gar nicht gottgleich. Am liebsten hätte er gekniffen, und nur widerwillig geht er diesen unfassbar schweren Weg. Er zeigt Schwäche, ist überfordert von dieser unmenschlichen Aufgabe, die ihm aufgebürdet wurde.

Ich persönlich finde diesen menschlichen Jesus der Matthäus-Passion sehr tröstlich und bin überzeugt, dass wir gerade von ihm vieles lernen können. Unsere Wohlstandsgesellschaft stattet uns materiell so großzügig aus wie vielleicht noch nie in der Geschichte der Menschheit, verlangt uns aber geistig und seelisch einiges ab. Müssen wir immer nur unsere starke Seite zeigen und sozusagen den Helden „markieren"? Was ist mit unseren Schwächen? Was ist, wenn wir etwas nicht schaffen oder mit einer Situation heillos überfordert sind? Sollen wir diese Momente und Gefühle aus unserem Leben verdrängen? Die Antwort der Matthäus-Passion: Nein! Gerade in diesen Augenblicken dürfen wir uns Jesus, dem Menschensohn, nahe fühlen und uns von ihm getragen wissen. Es ist in Ordnung. Es gibt nicht immer nur das Gelingen, den „Flow", oder auch mal das hart erarbeitete „per aspera ad astra". Es gibt da auch die andere Seite: die Angst, die Verzweiflung, das Verzagen, das Kneifen, das Versagen. Sie gehört zum Leben dazu!

Konzert des Markus-Chores "De Profundis"

Vielleicht ist Johann Sebastian Bachs „Matthäus-Passion" genau deshalb das berühmteste geistliche Werk der Musikgeschichte: weil sie eben kein Heldenepos darstellt, kein Gelingen, keine erfolgreich bestandene Mutprobe. Sondern weil sie tief in die Abgründe der menschlichen Seele blickt und dort Gefühle hervorholt, die so gar nicht „sexy" sind: Angst, Verzweiflung, Neid, Missgunst, Feigheit, Verzagtheit, heillose Überforderung, Schmerzen, Leid. Alles wird hier gnadenlos an die Oberfläche gespült und beinahe schon genüsslich betrachtet. Personen übernehmen in dieser Passionsgeschichte Nebenrollen, die alles andere als Helden sind: Petrus, der den Mund zwar recht voll nimmt, aber dann an seinen eigenen Ansprüchen scheitert. Pilatus, der sich feige aus der Verantwortung stiehlt und seine Hände in Unschuld wäscht. Judas, der den größten Fehler seines Lebens macht, ihn nicht rückgängig machen kann und sich in tiefer Verzweiflung selber das Leben nimmt. Lauter „Antihelden", die Jesus auf seinem letzten Weg begleiten.

Die Matthäus-Passion nimmt diese andere Seite des Lebens wahr und gibt ihr eine Existenzberechtigung. Und vielleicht zeigt sie den wahren „Helden" Jesus: den Menschen, der sich nicht verbiegt, der sich treu bleibt. Beinahe hätte er gekniffen, aber schließlich zeigt er sich: vielleicht nicht heroisch, aber authentisch.

Ich freue mich darauf, in den Gottesdiensten zur Matthäus-Passion an den Märzsonntagen und natürlich in den beiden Konzerten am Gründonnerstag und Karfreitag dem Mysterium dieses letzten Weges Jesu – erzählt vom Evangelisten Matthäus, ausgestaltet vom Librettisten „Picander" und vertont von Johann Sebastian Bach - weiter auf den Grund zu gehen: gemeinsam mit den Pfarrerinnen und Pfarrern an St. Markus, den Musikern, Solisten, dem Markus-Chor, den Sängerinnen und Sängern des Projektchores - und vielleicht ja auch mit Ihnen.

Gesegnete sieben Wochen wünscht Ihnen

Dekanatskantor Michael Roth

Dekanatskantor Michael Roth